• Noëmi Sacher

Fundstücke

Eine neue Wohnung suchen, ist nichts, was besonders viel Spaß macht – finde ich zumindest. Erst scrollt man sich endlos durch schlecht fotografierte Bilder, nur um sich dann beim Warten auf die Besichtigung die Beine in den Bauch zu stehen (in der Kälte, wohlgemerkt). Aber wer meinen Blog verfolgt, weiß: Nichts ist umsonst.


Als Gegenleistung gibt es nämlich etwas viel Wertvolleres: Und das sind Einblicke in die Leben und Eigenarten wildfremder Menschen – eine unbezahlbare Fundgrube für das Entwerfen von Figuren!



Da war zum Beispiel der Webdesigner P., der sich mit riesigen Tropenpflanzen, Biotopen in Goldfischgläsern und Kakteen vier Zimmer teilte. Oder der junge Architekt N., dessen Kühlschrank so penetrant nach Fisch stank, dass man geneigt war, ihn vor einer drohenden Lebensmittelvergiftung zu warnen.


Am überraschendsten war allerdings Frau O., die uns in Regenjacke (mit ums Gesicht geschlossener Kapuze) und Bergschuhen empfing – nicht etwa draußen im Regen, sondern im Treppenhaus. Dazu Maske, mehr als ihre Augen und Hände haben wir nicht gesehen. Sie mahnte uns, in der Wohnung nichts anzufassen, die Wege nicht zu verlassen und schon gar nicht sie, quasi die Bergführerin, aus den Augen zu verlieren (nein, die Treppe war nicht besonders steil und die Wohnung alles andere als weitläufig).


Das an sich war ja schon merkwürdig genug. Als wir sie aber baten, einen Küchenschrank zu öffnen (um zu entscheiden, ob unser Tisch dann immer noch davor Platz fände), weigerte sie sich kategorisch.

Wir waren, gelinde gesagt, erstaunt.


Zuerst verwies sie auf die anderen Interessenten, die noch in der Kälte ausharrten. Als unser Erstaunen aber größer wurde (es dauert ja nicht lange, einen Kasten aufzuziehen), druckste sie herum und setzte dann sehr zögerlich und sehr unzusammenhängend zu einer längeren und verworrenen Geschichte an:


Es gäbe, sagte sie, ein Problem. Eins mit Tieren, sie wisse nicht welcher Art. Sie habe auch gleich nach Entdecken derselben in der Apotheke Marty (es muss eine renommierte Adresse sein) den stärksten Spray gekauft, der für Geld zu haben ist. Sehr stark. Quasi unüberlebbar. Aber zu ihrem Bedauern, ja Entsetzen, tat der Spray nicht die erhoffte Wirkung.


Ich stand wie gebannt und stellte mir Schwärme von Motten und Kakerlaken vor, welche die Wohnung eroberten wie einst bei Hitchcock die Vögel.


Sie lebe jetzt, meinte Frau O., schon länger nicht mehr hier – eigentlich, so stellte sich heraus, hat sie direkt nach dem Spraydebakel ihr Heil in einer anderen neuen Wohnung gesucht – und wisse darum nicht, was sich hinter der geschlossenen Schranktür verberge. Sämtliche Möbel würde sie entsorgen (wir sollten nur frei heraus sagen, was wir zu übernehmen gedächten), aber die Büchse der Pandora noch einmal zu öffnen, weigerte sie sich standhaft.


Zu ihrer Überraschung suchten wir nach dieser Hiobsbotschaft nicht das Weite, sondern entschlossen uns, die Besichtigung vorzusetzen. Etwas konsterniert allerdings.


Im nächsten Raum (schwer zu sagen, wie er genau aussah, denn alle Fensterläden waren – und blieben – geschlossen) fand ich meine Sprache wieder und wagte, genauer nach Größe und Art der Tiere zu fragen (die Germanistin in mir sah die gute Frau schon selbst zum Käfer werden). Sie wusste es nicht. Na, ob sie denn fliegen können. Nach langen Erläuterungen von Frau O. stellte sich heraus, dass sie das selbst nie herausgefunden hat.


Alles, was sie jemals gefunden hatte, waren mikroskopisch kleine, schwarze Pünktchen unbekannter Herkunft.


Wir werden die Wohnung nicht mieten. Daran ist nicht so sehr das vermeintliche Ungeziefer Schuld, als andere Seltsamkeiten, die in der Ausstattung begründet sind. Aber aus einem vermeintlich verlorenen Vormittag ist zumindest eine interessante Charakterstudie geworden.


Solche unverhofften Fundstücke hebe ich mir auf. Am besten schriftlich. Denn irgendwann kommt der Tag, an dem sie ihren Platz in einer meiner Geschichten finden.


Und noch etwas anderes zeigt diese kleine Episode: Die Wirklichkeit ist manchmal verrückter als jeder Roman. Also nur keine vornehme Zurückhaltung beim Erfinden von Figuren. Lasst uns aus dem Vollen schöpfen!

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