• Noëmi Sacher

Prämisse: Tipps aus der Drehbuchwerkstatt

Ich schreibe gerne Anfänge. Vielversprechende erste und zweite Sätze, furiose erste Seiten. Ich habe eine ganze Menge davon. Bevor ich angefangen habe, mich mit dem Schreibhandwerk zu befassen, ist es aber jedes Mal dabei geblieben. Jede einzelne meiner vielversprechenden Geschichten ist kurz nach Beginn einen raschen Hungertod gestorben.


Dann habe ich angefangen, Schreibratgeber zu lesen und bin schon bald auf das Wort Prämisse gestossen. Ohne Prämisse geht es nicht, so der Tenor, und ich verstand: Das brauch ich dringend, um meine Geschichten am Leben zu erhalten. Aber was das genau sein soll, eine Prämisse, konnten die AutorInnen nicht wirklich auf den Punkt bringen.


Roy Peter Clark definiert die Prämisse als „Motor“ der Geschichte. Dieser Motor trage den Leser durch den ganzen Spannungsbogen, vom Anfang bis zum Ende. Aha, ok. Klingt super, genau das brauch ich! Aber wie geht das?? Sie ist die Schlüsselfrage, so Clark weiter, die das Handeln der Figur antreibt. Ach so, die Prämisse ist eine Frage? Ich blätterte bei anderen Autoren und fand heraus: Die Prämisse ist die Antwort auf die Frage «Was will die Figur? Und was hindert sie daran?».


Aber warum heisst es dann Prämisse?


Das Wort Prämisse stammt nämlich von lateinisch praemissa ab, „das Vorausgeschickte“, und bezeichnet in der Logik keine Frage, sondern eine Voraussetzung oder Annahme. Sie ist die Grundaussage, aus der eine logische Schlussfolgerung gezogen wird.


Also zum (berühmtesten) Beispiel:

Prämisse 1: Alle Menschen sind sterblich. Prämisse 2: Alle Griechen sind Menschen. Schlussfolgerung: Alle Griechen sind sterblich.


Eben. Nur Annahmen und Schlussfolgerungen, keine Frage weit und breit – und auch kein Hinweis darauf, wie ich damit meine ganz handfesten Probleme lösen soll.


Erst Jahre später besuchte ich einen Workshop bei einem Drehbuchautor und bekam endlich konkrete Vorschläge zur Gestalt und Umsetzung einer Prämisse. Im Filmbusiness wird der Begriff weiter gefasst und teilt sich in fünf Verschiedene Aspekte auf.

1. Alltag

2. Auslöser

3. Ziel

4. Widerstand

5. Risiko


Um zu verstehen, was für eine Figur problematisch ist, müssen wir zuerst erfahren, in welchem Rahmen von Normalität sie sich bewegt. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Anlage der Geschichte: Für eine alleinerziehende Mutter gestaltet sich Normalität anders als für eine Prinzessin oder einen Detektiv.


Darum gilt es, als ersten Punkt den Alltag der Figur festzuhalten. Dieser Alltag wird durch ein unvorhergesehenes Ereignis (Auslöser) gestört. Wichtig für eine spannende Geschichte ist, dass der Auslöser stark genug ist. So stark, dass der Alltag der Figur nicht wieder hergestellt werden kann. Es ist nur natürlich, dass die Figur das Problem lösen möchte: Sie entwickelt ein Ziel. Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Figur gegen Widerstand ankämpfen. Dabei geht sie ein Risiko ein, das heisst: Die Figur kann im Vergleich zur Ausgangssituation mehr gewinnen oder noch tiefer fallen.


Diese fünf Elemente bringen Druck in die Handlung und treiben sie an wie ein Motor.



Ein Beispiel:

Julia Capulet ist eine junge Frau aus Verona. Ihre Welt ist in Ordnung, bis auf die Tatsache, dass die sie einen Mann heiraten soll, den sie noch nie gesehen hat (Alltag). Am Fest, das für sie und ihren Verehrer gegeben wird, verliebt sie sich in Romeo (Auslöser) und er sich in sie. Die beiden möchten zusammensein (Ziel), aber ihre Familien sind verfeindet (Widerstand). Also lassen sie sich heimlich bei einem befreundeten Priester trauen, obwohl sie wissen, dass das zu blutigen Konflikten führen wird (Risiko).


Die Kluft zwischen Ziel und Risiko eröffnet den Spannungsbogen, unter dem die Geschichte steht.


So macht das Ganze für mich mehr Sinn: Ich treffe Annahmen. Die erste darüber, wie das Leben meiner Figur aussieht. Dann, dass dieses Leben gestört wird, dass meine Figur ein Ziel entwickelt und auf Widerstand stösst und dass sie damit ein Risiko eingeht. Aus Annahme eins bis fünf ergibt sich dann die Schlussfolgerung: Meine Geschichte.


Jetzt hängt es davon ab, wie spannend diese Annahmen sind. Denn ganz ehrlich: Wenn meine Figur den ganzen Tag ihren Garten pflegt (Alltag) und eine Schnecke den Salat frisst (Auslöser), meine Figur beschliesst, Schneckenkörner zu kaufen (Ziel), wenn sie auf dem Weg zum Gartencenter in einen Stau gerät (Widerstand) und währenddessen schon der nächste Salat angeknabbert wird (Risiko), dann wird die Geschichte trotz korrekter Anwendung der Prämisse eben trotzdem kein Kunstwerk (außer sie wäre zum Beispiel von Franz Kafka). Aber hey, wenigstens verhungert sie nicht – also die Geschichte, nicht die Schnecke.



Aufgabe 1: Übe die Struktur der Prämisse an einer bekannten Geschichte, oder an einer, die dir vertraut ist. Verwende dafür nicht mehr als sieben unverschachtelte Sätze.

Aufgabe 2: Entwickle die Prämisse für dein aktuelles Projekt.


Literatur:

Roy Peter Clark: Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben. Autorenhaus Verlag 2009.


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