• Noëmi Sacher

Es geht nicht um Architektur

Aktualisiert: Mai 15

Dialoge sind so eine Sache. Wir wollen, dass sie möglichst realitätsnah sind. Aber Realität und Literatur sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wo wir im richtigen Leben gegenseitiges Verständnis anstreben, suchen wir in der Literatur Konflikte. Denn zum Lesen gibt es nichts Langweiligeres als Dialoge, in denen die GesprächspartnerInnen gegenseitig ihre Weltsicht bestätigen.



Ein Beispiel:


„Ich finde diese modernen Häuser einfach schrecklich.“ „Ja. Unerhört, was die heute so alles hinklotzen.“ „Jetzt bauen sie diesen grauen Kasten an der Bahnhofstrasse. Das sollte man verbieten.“ „Genau. Die Behörden sind heute viel zu lasch mit den Baubewilligungen.“


Im richtigen Leben würden wir uns (als GesprächsteilnehmerIn) über die gelungene Kommunikation freuen. Wir bestätigen die Meinung des Gegenübers und steuern konsensfähige Argumente bei. In der Literatur ist genau das nicht gefragt. Warum?


Da gibt es zwei Gründe:

  1. Die Figuren heben sich nicht voneinander ab.

  2. Der Dialog stagniert und damit auch die Handlung.

Ohne Inquit-Formel (also ohne „sagte er“, „meinte Sarah“) können wir noch nicht einmal abschätzen, wie viele Personen hier miteinander sprechen. Sie haben alle (oder beide?) den gleichen Tonfall und die gleiche Meinung.


Einigkeit ist schön – im richtigen Leben. In der Literatur ist sie vor allem ein Spannungskiller. Spannung entsteht zu einem großen Teil durch Konflikte. Lassen wir also einmal die Meinungen der Figuren aufeinanderprallen.


„Ich finde diese modernen Häuser einfach schrecklich.“ „Warum denn? Sieh doch nur die großen Fenster und stell dir mal vor, wie hell es dort drin ist.“ „Aber das sind doch keine Häuser mehr, das sind Kästen. Das sollte man verbieten.“ „Ich finde, das siehst du zu eng.“


Besser?

Naja, was Punkt 1 betrifft: Die Figuren heben sich immerhin in ihren Meinungen voneinander ab. Die Handlung stagniert aber immer noch. Der Grund dafür ist der, dass die Gesprächspartner auf das Gesagte reagieren und nicht auf das, was sie verstehen, interpretieren, hören wollen oder beabsichtigen.


Versuchen wir es noch einmal:


„Ich finde diese modernen Häuser einfach schrecklich.“ „Klar, Liebster, du bist ja auch von gestern.“ „Und du bist Architekturexpertin, oder was?“ „Schau, die Ampel ist grün.“


Besser, oder? Und zwar aus drei Gründen:

  1. Die GesprächspartnerInnen reagieren auf das, was nicht ausgesprochen wird.

  2. Die Beziehung zwischen den beiden wird deutlicher.

  3. Die Handlung geht voran.

Die SprecherInnen sind jetzt klar: Es ist ein Mann und eine Frau. Sie findet ihn altmodisch oder gar rückständig. Das sagt sie aber nicht direkt, sondern indirekt. Sie reagiert auf das, was der Mann mit seinem Satz über sich selbst aussagt (dass er Modernes nicht gut findet), nicht auf seine Kritik am Baustil. Genauso der Mann: Er findet ihre Worte verletzend und rächt sich, indem er ihre Kompetenz in Zweifel zieht. Der letzte Gesprächsbeitrag bringt mehr Klarheit über die Beziehung: Sie deeskaliert – indem sie das Thema wechselt – ohne ihre Meinung zu ändern.


Dieser Dialog ist vor allem deshalb interessanter als die beiden ersten, weil wir etwas über die Wertvorstellungen der Figuren und über ihre Beziehung zueinander erfahren. Und das nur, weil sie auf das reagieren, was sie aus ihrer subjektiven Situation heraus verstehen wollen oder können.

Das wird deutlich, wenn wir den Dialog probehalber um das (mögliche) Unausgesprochene erweitern:


Früher hatten die Häuser noch vier Wände und ein Dach. Jetzt will sich jeder Architekt selbstverwirklichen und bekommt auch noch Applaus. „Ich finde diese modernen Häuser einfach schrecklich.“ Typisch Dieter, was nicht von ihm ist, findet er schrecklich. Wie wird das erst, wenn er 80 ist? „Klar, du bist ja auch von gestern.“ Hallo? Ich darf ja wohl meine Meinung haben. Und die ist dreimal fundierter als ihre! „Und du bist Architekturexpertin, oder was?“ Super, jetzt kommt diese Schiene. Wenn ich mich darauf einlasse, geht das endlos. Dabei haben wir um drei mit Krügers abgemacht. „Schau, die Ampel ist grün.“


Alles, was zwischen den Zeilen steht, lässt sich so oder ähnlich durch die Dialogzeilen erschließen. Das bringt Tempo und Spannung in die Geschichte. Und: Die LeserInnen müssen oder dürfen einen größeren eigenen Beitrag an die Interpretation leisten. Dass es in diesem Gespräch nicht um Architektur geht, muss man bestimmt niemandem vorkauen.

Einigkeit ist trotzdem da, allerdings auf einer anderen Ebene: LeserInnen wollen ein spannendes Buch – wir schreiben es für sie.

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