• Noëmi Sacher

Warum ich schreibe

Aktualisiert: Mai 15

Schreiben fällt mir schwer. Ich bin kein Mensch, der leichtfertig mit Formulierungen umgeht. Ich recherchiere ein Vielfaches meiner Schreibzeit. Oft zögere ich zu schreiben, weil ich mich davor fürchte, meine Figur in eine falsche Richtung zu entwickeln. Oder weil ich die Zusammenhänge noch nicht überblicke.


Die Menschen in meinem Umfeld wissen das. Trotzdem werde ich nie gefragt, warum ich schreibe. Ihnen scheint es zu genügen, dass ich es kann. Und was man kann, das tut man gerne. …


Es gibt bestimmt viele Menschen, die gerne schreiben und ich freue mich von Herzen für dich, wenn du zu ihnen gehörst. Schreib einfach. Genieße es! Du brauchst nicht weiterzulesen. Melde dich wieder, wenn es nicht mehr läuft.





Du bist noch da? Dann gilt für dich vielleicht das gleiche, wie für mich und für Dorothy Parker, die einmal gesagt haben soll: „Ich hasse es, zu schreiben, aber ich liebe es, geschrieben zu haben.“


Warum ich trotzdem schreibe.


In den seltenen Fällen, in denen jemand fragt, wie ich zum Schreiben gekommen bin, antworte ich: aus Verzweiflung. Ich war gerade 30 und Mutter geworden und fühlte mich gefangen in meinem Leben. Ich spürte, dass ich meinen Verstand beschäftigen, dass ich in mir selbst einen Freiraum schaffen musste. Einen Freiraum für mich. Weder hatte ich eine Geschichte im Kopf noch einen Plan, wie in aller Welt ich es schaffen sollte, überhaupt etwas zu Papier zu bringen. Ich wagte noch nicht einmal zu denken, dass das, was ich hier anfing, einmal ein Roman werden würde. Aber etwas zog mich an: Eine Geschichte, die ich als Kind gehört hatte.


Es vergingen Jahre, bevor ich verstand, was diese Geschichte mit mir zu tun hat. Und noch einmal einige, bis ich begriff, was sie wirklich mit mir zu tun hat. In all dieser Zeit schrieb ich, verwarf, schrieb neu. Manchmal schrieb ich jeden Tag, manchmal legte ich sie für Monate zur Seite – aber in all dieser Zeit ließ mich die Geschichte nicht los.


Ich hatte oft Gelegenheit, mich zu fragen, warum eigentlich. Die Schweinehundedichte auf diesem Gebiet wird nicht einmal von „abwaschen“ oder „unangenehme Telefonate erledigen“ übertroffen. Die kleinen Schweinewelpen gehen ja noch. Sie sagen Dinge wie: Dieser Satz war jetzt aber Schrott. Heute wird das nichts. Oder: Die Fenster sind eklig schmutzig, willst du nicht lieber putzen? Die ausgewachsenen Schweinköter fahren schon anderes Geschütz auf. Sie sagen solche Sachen: Was bildest du dir eigentlich ein? Das will doch keiner lesen! Oder: Jeden Tag kommen zweihundert neue Bücher auf den Markt – und da sind die unveröffentlichten Manuskripte noch nicht mal dabei.


Aber die Sache ist die: Ich habe keine Wahl.


Egal wie laut die Schweinehunde heulen, irgendwann kehre ich immer an den Schreibtisch zurück. Denn nichts geht über das Gefühl, das mich überkommt, wenn ein Satz, eine Zeile oder ein Abschnitt sich stimmig anfühlt. Wenn ich spüre: Das ist es, was ich sagen will. Wenn mich die Ahnung erfasst, dass das, was ich hier schreibe, einen anderen Menschen fesselt, ihn staunen lässt, zum Lachen bringt – oder dass ein einziges Wort in einem Meer von Sätzen vielleicht dessen Leben verändert. So wie es zahlreiche Bücher gibt, die mein Leben verändert haben.


Ich schreibe, weil ich meinem Inneren Ausdruck verschaffen will.


Wenn du also wie ich zu den Schweinehundgeplagten gehörst: Mach dir keine Sorgen! Wenn du schreiben sollst, dann wirst du es tun. Weil etwas in dir ans Licht will – weil du etwas zu sagen hast. Du brauchst nicht zu wissen, was das ist. Das Schreiben wird es dich lehren.




Was sagen deine Schweinehunde? Und warum schreibst du trotzdem?

Ich freue mich über deinen Kommentar!

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