• Noëmi Sacher

Keine Zeit

Heute habe ich keine Zeit. Überhaupt keine. Letzte Woche war das auch schon so und jetzt: Schulstart, Elternabend, Papierkrieg, Rechnungen bezahlen, Gesuche einreichen. Aber vor allem: meinen brandneuen Seminarraum einrichten. Also neu ist er eigentlich nicht, eher im Gegenteil. Er steht schon seit sechs Jahren leer und braucht darum viel Zuwendung, damit es gemütlich wird. Heute Abend wird er eingeweiht, also habe ich die letzten Tage damit zugebracht, den versifften Teppich rauszureißen, den Boden zu schrubben, Fenster zu putzen, die Wände zu waschen – und nicht zuletzt Möbel zu organisieren (meine Kenntnisse im Mit-Anhänger-Fahren waren schon wieder arg eingerostet) und in den dritten Stock schleppen. Ich mache sowas unglaublich gerne. Ich liebe das Gefühl, allein mit Muskelkraft und Fleiß etwas zu bewirken. Aber jeder zweite Freitag ist Blog-Tag, wo um Himmels Willen soll ich dafür noch die Zeit hernehmen?





So geht es mir auch oft mit dem Schreiben. Und nicht nur mir. Zeit zum Schreiben finden, ist ein Dauerthema bei allen AutorInnen, die ich kenne. Es ist so vieles los, dass man kaum einmal den Kopf freibekommt – geschweige denn die Muße findet, sich in Ruhe hinzusetzen und ganz in die Geschichte einzutauchen. Was also tun?


Regel Nummer 1: Finde heraus, wie du funktionierst.


Ich bin eine Sprinterin. Nicht sportlich gesehen, bewahre. Sondern schreibtechnisch. Ich bewundere Menschen, die ganze Wochen am Stück Text produzieren oder sich schreibend die Nächte um die Ohren schlagen. Ich bin nach zwei Stunden am Ende. Meist schon nach einer. Dann tröpfelt es nur noch, quasi schreiberische Prostata. Einige Jahre habe ich mich gezwungen, trotzdem länger am Schreibtisch sitzen zu bleiben. Von nichts kommt nichts, das hat schon meine Oma gesagt. In dieser Zeit habe ich sehr viel vor mich hingestarrt. Oder überarbeitet. Oder recherchiert. Oder nach interessanten Fakten gestöbert. Oder Notizen sortiert.


Inzwischen habe ich gelernt, dass es sich nicht lohnt, gegen meinen inneren Rhythmus anzukämpfen. Nach einer Stunde schreiben ist Schluss. Aber zwischen den Schreibeinheiten arbeitet die Geschichte in meinem Inneren weiter. Das geschieht manchmal von allein, wie der Reifeprozess eines Weins, manchmal lese ich etwas Inspirierendes, manchmal bin ich einfach ein wenig mit meinen Figuren und frage mich bei vielem, was ich tue, ob sie das auch so sehen würden wie ich.


Ich nenne es inneres Schreiben. Das Gute daran ist, man kann es immer dann tun, wenn der Kopf frei ist: beim Sport, am Sandkastenrand, beim Wäscheaufhängen, beim Kochen, auf dem Arbeitsweg oder beim Haare schneiden (lassen). Das spart Zeit. Und vor allem: Es macht Lust, das Gedachte aufzuschreiben. Und wenn ich mich dann hinsetze, dann schreibe ich tatsächlich. Ohne vor mich hinzustarren – für eine Stunde.


Aber was, wenn mein Kopf nun NICHT frei ist?


Regel Nummer 2: Schreibe über das, was dich gerade beschäftigt.


Das innere Schreiben lässt sich auch umkehren. Du hast Stress mit deiner Familie und am Sonntag ist ein großes Treffen? Wie steht es denn um die Verwandten deiner Figur? Gibt es eine Szene, in der du deine innere Unruhe oder deine Vorfreude verwerten kannst? (Solche Szenen schreibe ich oft nicht chronologisch, sondern versetze mich an eine Stelle in meinem Plot, an der sie passen könnten – wenn sie es dann später nicht tun, egal. Ich habe meine Figur trotzdem besser kennen gelernt.) Und wie steht es um deinen Ärger mit dem Chef? Gibt es eine Szene, in die du deine ganze Wut investieren kannst? Du hast dich in deiner To-Do-Liste verkeilt und weißt nicht mehr, wo dir der Kopf steht? Schreib deiner Figur den ganzen Frust und die Überforderung auf den Leib. Denn was dich beschäftigt, musst du nicht recherchieren. Du kannst es einfach aufschreiben und das Beste ist, du bekommst die Emotionen gratis dazugeliefert.


Egal von welcher Seite du dein Pferd aufzäumst: Ob du in Gedanken beim Schreiben bist oder deine Gedanken fürs Schreiben verwertest – wenn du vorbereitet bist, braucht das eigentliche Schreiben nur wenig Zeit. Und manchmal geschieht auch ein Wunder und das Schreiben spart Zeit ein. Weil der Kopf frei wird und die Seele leicht.


So wie bei diesem Blog. Regel Nummer zwei befolgt, eine Stunde geschrieben und jetzt zufrieden los: Spiegel und Lampen aufhängen und dann Mittagessen kochen.



Was für ein Schreibtyp bist du? SprinterIn oder MarathonläuferIn? Und wie findest du Zeit zum Schreiben? Ich freue mich über deinen Kommentar.

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