• Noëmi Sacher

Warum Schreiben die Welt verbessert

Bevor ich schrieb, war ich viele Jahre lang passionierte Leserin. Stell dir ein in sich gekehrtes Mädchen vor, das nicht viel von sich preisgibt und ihre freie Zeit entweder bei den Pferden oder den Büchern verbringt. Das garstig wird, wenn jemand es wagt, die Zimmertür zu öffnen oder (sehr gefährlich) nach den Hausaufgaben zu fragen. Siehst du das Bild vor dir?


Das bin ich.



Oder war ich.


Die Bücher, die ich damals gelesen habe, haben mir die Welt erklärt. Aber nicht nur. Ehrlich gesagt, ich glaube, sie haben mich sozialisiert – beziehungsweise zu einem erträglichen, zugewandten Menschen gemacht.


Aber lass mich ein wenig weiter ausholen.


Das Lieblingsbuch aus meiner Jugend heißt „Die Nebel von Avalon“. Geschrieben hat es Marion Zimmer Bradley. Es ist eine Geschichte über die Weisheit und Ohnmacht von Frauen – und es hat mich tief beeindruckt. Denn bevor ich es las, kannte ich schon all die deutschen Sagen und Legenden um Artus: Wie der tapfere junge König von der bösen Morgaine betrogen wurde und am Ende doch gesiegt hat.

Und da trat diese Geschichte in mein Leben, die diese Legenden neu erzählt hat – aus der Sicht der Fee und Halbschwester, Morgaine. Mit einem Schlag erkannte ich: Es gibt niemals nur die eine Version einer Geschichte.


Seit ich denken kann, bin ich auf der Suche nach Wahrheit. Das klingt jetzt vielleicht dramatisch, aber ich dachte immer, dass es „die Wahrheit“ doch einfach geben müsste. Die Einzige, die den Sinn des Lebens und unseres Daseins enthüllt. Nun fand ich in diesem Roman, dass die Wahrheit davon abhängt, wer sie erzählt. Das war gleichermaßen ein Schock und eine Offenbarung.


Und noch etwas lernte ich: Alles ist mit allem verbunden. Wenn Figur A auf eine bestimmte Weise spricht und handelt, beeinflusst das Figur B auf eine bestimmte Weise und beides zusammen bewirkt, dass C geschieht. Geschichten sind so quasi das Universum im Kleinformat. Eine unendliche Spielwiese, um auszutesten, was wäre wenn …


Indem ich las, schärfte ich meine Sinne und mein Verständnis für die Welt. Nie las ich, ohne mir vorzustellen, was ich an Stelle der ProtagonistIn getan hätte. Und nie, ohne mir alle möglichen Enden auszumalen. Ich verstand allmählich, dass die Figuren gute Gründe hatten, so zu handeln, wie sie es taten und das weckte meine Fähigkeit zur Empathie. Irgendwann hatte ich so viel gelesen, dass ich nicht nur die Figuren im Stillen nach ihrem inneren Antrieb befragte, sondern auch meine Mitmenschen – und ich begann, ihr Handeln zu verstehen und einzuordnen.


So wurde ich nach und nach vom garstigen Teenager zu einem mitfühlenden Menschen. Und ich werde den Büchern (und ihren AutorInnen) dafür immer dankbar sein.


Wenn dies aber schon beim Lesen geschehen kann, dann gilt das um ein Vielfaches für das Schreiben. Es gibt kein Schreiben ohne Empathie (oder zumindest kommt nichts Gutes dabei raus). Wer seine Figuren – die Guten und die Bösen – nicht liebt, wer nicht versteht, warum sie tun, was sie tun, wird niemals gute Geschichten schreiben. Wer sich aber auf sie einlässt, wird die Welt mit neuen Augen sehen. Jeden Tag. Einmal durch die Augen der einen, einmal durch die der anderen Figur. Jede von ihnen erzählt die Geschichte anders, jede wird von der anderen beeinflusst. Schreiben erschafft riesige Räume, die dafür da sind, sich selbst und andere besser verstehen zu lernen.


Darum behaupte ich: Schreiben macht die Welt zu einem besseren Ort. Und mich zu einem besseren Menschen.



P.S. Wenn ihr „Die Nebel von Avalon“ lest oder schon kennt, dann schimpft nicht mit mir, falls es ein schlechtes Buch sein sollte. Ich habe es in all den Jahren nicht gewagt, den Schatz meiner Jugend wieder zu lesen und möglicherweise zu entzaubern.


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