• Noëmi Sacher

Schreiben: Kunst oder Handwerk?

Entweder man kann es, oder man kann es nicht.

Was das Schreiben betrifft, hält sich diese Meinung hartnäckig. Bei uns zumindest. Die Meinung, dass die AutorIn oder der Autor außer Talent nichts braucht. Warum ist das so? Wo doch kreatives Schreiben in den USA schon längst ein etablierter Universitäts-Lehrgang ist?



Die Idee des schreibenden Genies stammt aus dem vorletzten Jahrhundert, genau genommen aus der Epoche des Sturm und Drang. Anfang des 19. Jahrhunderts rebellierten junge Autoren gegen die starren inhaltlichen und formalen Regeln der Aufklärung. Ihnen haben wir zu verdanken, dass der Ausdruck des Gefühls heute über der Form steht. Sie haben die starren Regeln der Dichtkunst mit Leidenschaft und Mut gesprengt. Seither sind künstlich gedrechselte Verse mit Reimen und festen Rhythmen nicht länger das höchste Ziel. Was heute zählt ist der individuelle Ausdruck, erlebbare Emotionen und bewältigte Konflikte.


Gleichzeitig haben sie uns aber auch einen Bärendienst erwiesen, die Stürmer und Dränger – mitten unter ihnen der junge Goethe. Sie haben das Bild zementiert, dass Genie mehr zählt als Handwerk. Ja, dass Genies kein Handwerk brauchen.


Aus dem wahren Genie nämlich fließt die Kunst frei aufs Papier. Das wahre Genie braucht keine Vorbilder, keine Lehrer, keine Regeln. Es wirkt aus seiner Mitte und Natürlichkeit und was es anfasst, wird zu Gold. So zumindest die Meinung, mit der wir Schreibenden uns bis heute konfrontiert sehen.


Nur: Das ist ein Irrglaube.


Selbst Goethe – der Inbegriff des Naturgenies – sah das nicht so. Wir wissen das aus seinen zahlreichen Briefen, die Rechenschaft über sorgfältige handwerkliche Überlegungen abgeben. Bevor er seinen Bestseller „Herrmann und Daphne“ schrieb, studierte er die alten Meister – besonders die Odyssee. Er machte sich Gedanken darüber, ob er seinen Plot ähnlich aufbauen oder ob er einen neuen Weg beschreiten sollte. Seine Briefe sprühen vor Erkenntniswillen, geben aber auch dem Zweifel Raum. Und – sie dokumentieren, wie sehr er den Austausch mit Gleichgesinnten brauchte, um seine Gedanken zu sortieren und zu festigen.


Im Jahr 1797 schickte er Schiller die Überlegungen zum Plot von „Herrmann“ und schrieb dazu:


so wollte ich Ihnen folgendes zur Prüfung unterwerfen. (…) Ich habe mich darinnen so oft in meinem Leben vergriffen, daß ich endlich einmal in's Klare kommen möchte um wenigstens künftig von diesem Irrthum nicht mehr zu leiden.

Wer schreibt, ist immer auf der Suche. Wer auf der Suche ist, wird von Zweifeln geplagt – auch das Genie.


Woran Goethe offenbar nicht zweifelt, ist sein Talent. Das hat er vielen von uns (vor allem uns Frauen) voraus.

Vielleicht hatte er es leichter, denn heutzutage ist Talent (geschweige denn Genie) eine schwierige Sache. Vor allem Frau (insbesondere die bescheidene Frau Schweizerin) darf sich das höchstens von anderen attestieren lassen – auf keinen Fall aber sich selbst zuschreiben.


Vielleicht war sich Goethe aber auch einfach klarer darüber, was das überhaupt ist: Talent. Und vielleicht wird es uns klarer, wenn wir das Wort Talent ersetzen: Es ist das Gefühl, das da sein muss. Ein innerer Sturm, der den Drang auslöst, sich ausdrücken zu wollen. Damit das Geniale, das Persönliche ungefiltert aufs Papier fließt.


Wofür ist dann aber das Handwerk gut?


Dann, wenn der Schreibfluss stockt oder die Überarbeitung ansteht, wenn Schwierigkeiten auftauchen, wenn die Geschichte verhungert oder die Formulierungen uninspiriert sind; dann, wenn man sich selbst übertreffen will, dann ist es gut, sein Handwerk zu kennen.


Es ist wie in der Liebe. Die Gefühle sind einfach da, aber eine tragfähige Partnerschaft funktioniert nur, wenn wir uns selbst reflektieren und uns mit unserem Gegenüber auseinandersetzen.


Oder anders gesagt: Kunst entsteht dann, wenn Emotionen und Handwerk sich ergänzen.


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