• Noëmi Sacher

Perspektive mit Haut und Haar

Aktualisiert: Mai 15

Ich gestehe: Wenn es um die Erzählperspektive geht, bin ich puristisch. Um nicht zu sagen pingelig. Ich glaube aber auch, dass der Ursprung vieler Irritationen, die man beim Lesen nur unterschwellig wahrnimmt, in einer unsauberen Handhabung der Perspektive liegt.


Am meisten Probleme scheint dabei die personale Perspektive zu bereiten. Dabei ist die Sache gar nicht so kompliziert.



In der personalen Perspektive steckt die Erzählerin in der Haut einer ausgewählten Figur. Das heisst, sie weiss, sieht, hört, riecht, schmeckt, empfindet und denkt nur das, was die Figur weiss, sieht, hört, schmeckt, riecht, empfindet und denkt. Eigentlich einfach, oder?


Der Knackpunkt liegt jedoch meistens in der Art, wie der Erzähler alles das beschreibt, was ausserhalb der Figur vorgeht. Auch da darf er nur von der Figur ausgehen, denn sonst bewegen wir uns bereits in einer Grauzone zur auktorialen Erzählweise. Das Geschehen und insbesondere die Beschreibungen müssen also durch die Augen der Figur sichtbar werden.


Sehen wir uns ein Beispiel an.

Ein leichtes Klopfen und dann ging die Tür auf. Eine sorgfältig gestylte Frau streckte den Kopf ins Zimmer. Erich schlug ärgerlich sein Buch zu. «Mama, was soll das?»


Die Sätze wirken auf den ersten Blick sauber und harmlos, aber es gibt ein Problem:

Die Frau, die zur Tür hereinkommt, ist Erichs Mutter. Nie und nimmer würde er bei ihrem Anblick denken, dass sie «sorgfältig gestylt» ist. Wenn er aber nicht darüber nachdenkt, dann kann der personale Erzähler (der ja, wie gesagt, in Erichs Haut steckt) auch nicht darüber sprechen.


Die Geschichte ist dann perspektivisch sauber, wenn wir den Satz ersatzlos wegstreichen. Dabei müssen wir Erichs Sicht nicht als Einschränkung verstehen, sondern als tiefes Einsinken in seine Welt - so wie auch wir dieWelt aus unserer ganz eigenen Perspektive wahrnehmen.


Nehmen wir aber einmal an, wir müssen das Aussehen der Mutter an dieser Stelle unterbringen, weil es für den Fortgang der Geschichte wichtig ist.


Dafür brauchen wir die Hilfe von Erich. Ihm muss das Äussere seiner Mutter auffallen, sonst können wir es nicht beschreiben. Die einfachste Möglichkeit: Die Mutter sieht anders aus als sonst.


Ein leichtes Klopfen und dann ging die Tür auf. Seine Mutter war derart aufgebrezelt, dass er sie fast nicht erkannt hätte. Erich schlug ärgerlich sein Buch zu. «Mama, was soll das?»


Das Aussehen der Mutter kann Erich auch schon lange ein Dorn im Auge sein.


Ein leichtes Klopfen und dann ging die Tür auf. Seine Mutter, schon wieder gestylt wie eine Nutte. Erich schlug ärgerlich sein Buch zu. «Mama, was soll das?»


Je nach Charakter kann Erich natürlich auch positiv reagieren – er muss es sich aber nicht anmerken lassen.


Ein leichtes Klopfen und dann ging die Tür auf. War das seine Mutter? So hatte er sie noch nie gesehen. Sie trug ein richtig hübsches Kleid, hatte sich geschminkt und an ihren Ohren baumelten lange Ohrringe. Sie sah wunderschön aus, wie ein Hollywoodstar. Aber das musste er sie ja nicht wissen lassen. Er schlug demonstrativ sein Buch zu. «Mama, was soll das?»


Auch hier ist es wichtig, bei der Figur zu bleiben und sich nicht etwa dazu verleiten zu lassen von einem eleganten Deux-Piece, einem dezenten Makeup oder von Creolen zu sprechen – es sei denn, Erich interessiert sich explizit für Mode.


Leider sind solche kleinen Wackler in der Perspektive häufig – auch in gedruckten Büchern. Dabei lassen sie sich vermeiden, wenn wir uns die Mühe machen, ganz bei der Figur zu bleiben. Es ist als ob man selbst die Rolle der Figur spielen würde. Als Autorin muss ich mich mit ihrer Vergangenheit auskennen. Ich muss wissen, was normal ist und was aussergewöhnlich, wie die Stimmung meiner Figur ist und wie ihre häufigste Art zu reagieren. Ich muss ihre Trigger kennen, ihren Charakter, und ihre Emotionen fühlen. Das ist manchmal anstrengend, aber die Mühe lohnt sich. Denn nur wenn die Erzählperspektive stimmig ist, können sich die LeserInnen ganz von ihr getragen fühlen.


Schreibübung:

Such in deinem Manuskript gezielt nach solchen Wacklern und überlege dir, wie du den Satz aus der Figur heraus gestalten könntest.

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